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„Hitlerdeutschlands Beitrag zur Antisemitismusentwicklung im Nahen Osten: Themen, Kontinuitäten und Brüche“

veröffentlicht um 15.12.2011, 01:46 von Administrator/ Admin   [ aktualisiert: 15.12.2011, 01:56 ]
Gespräch mit Jeffrey Herf in der Neuen Synagoge, Centrum Judaicum, Berlin, 7. 6. 2011

Begrüßung und Einleitung zur Podiumsdiskussion

Klaus Faber, Staatssekretär a. D., Rechtsanwalt, Vorstandsmitglied im Koordinierungsrat deutscher Nicht-Regierungsorganisationen gegen Antisemitismus (Koordinierungsrat-gegen-Antisemitismus.org)

Zu der Gesprächsrunde über das Thema „Hitlerdeutschlands Beitrag zur Antisemitismusentwicklung im Nahen Osten: Themen, Kontinuitäten und Brüche“ in der Neuen Synagoge, im Centrum Judaicum, in Berlin begrüße ich Sie sehr herzlich im Namen des Koordinierungsrats deutscher Nicht-Regierungsorganisationen gegen Antisemitismus und seiner die Veranstaltung mittragenden Mitgliedsorganisationen. Der Koordinierungsrat deutscher Nicht-Regierungsorganisationen gegen Antisemitismus ist ein Zusammenschluss von 19 Vereinen, Vertretern von Organisationen und Personen. Ihm gehören Menschen mit unterschiedlichem konfessionellem Bekenntnis an – unter ihnen Christen, Juden, Muslime, Aleviten und Menschen mit einem anderen oder ohne Religionsbekenntnis. Wir sind seit 2007 gemeinsam in der Bekämpfung jeder Form von Antisemitismus, auch und insbesondere des neuen, antiisraelischen Antisemitismus, engagiert.

Mein Name ist Klaus Faber. Ich bin, wie Sie auch der Einladung entnehmen konnten, Vorstandsmitglied im Koordinierungsrat. Auf dem Podium begrüße ich sehr herzlich unseren Gast, Herrn Prof. Jeffrey Herf von der Universität Maryland, dessen Vortrag in deutscher Sprache gehalten und der über unser Thema sprechen wird. Ich begrüße ebenso Herrn Mohammad Schams, ebenfalls Vorstandsmitglied im Koordinierungsrat. Er wird im Anschluss an den Vortrag, vor der Diskussion mit dem Publikum, einige Worte zum Iran, auch aus iranischer Sicht, sagen. Herr Daniel Fallenstein, stellvertretender Vorsitzender des Anti-Defamation-Centers, eines unserer Mitgliedsverbände, wird bei Übersetzungsfragen helfen. Wir gehen davon aus, dass das Publikum Englisch versteht. Jeffrey Herf wird daher auf ihm in der Publikumsdebatte gestellte Fragen auf Englisch antworten.

Jetzt schon will ich der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Ihrer Vorsitzenden Frau Lala Süsskind und Herrn Levi Salomon, sehr herzlich dafür danken, dass wir hier unsere Veranstaltung durchführen können. Ich danke auch Herrn Dr. Rafael Korenzecher, Vorstandsmitglied im Koordinierungsrat, für das Buffet im Anschluss an die Diskussion, das uns Gelegenheit gibt, unsere Gespräche eine Zeitlang fortzusetzen.

Die Delegitimierung Israels wird in der westlichen Welt in vielen Kampagnen z. B. an Hochschulen, in den Medien und auf Demonstrationen, u. a. auf der jedes Jahr stattfindenden Al-Quds-Demonstration in Berlin, sichtbar. Sie wird in diesem Jahr einen neuen Höhepunkt erreichen – Stichpunkte dafür geben die neue Gazaflotte, die Agitation um eine für den Herbst geplante UN-Resolution zur Anerkennung eines palästinensischen Staats oder „Durban III“, ebenfalls eine Veranstaltung im UN-Rahmen, auf der wieder einmal Israel isoliert und diffamiert werden soll. Vergleichbare Kampagnen hat es zum Südsudan und den zahllosen Opfern im Südsudan, der übrigens noch immer bedroht ist, nicht gegeben, auch nicht zu Sinkiang, zu Tibet, zum indonesischen Westneuguinea, zu der Lage der Christen in einigen islamischen Staaten oder zur Bahai-Verfolgung in der Islamischen Republik Iran – um nur einige Beispiele zu nennen. Auf Israel konzentriert sich eine obsessive negative Aufmerksamkeit, die durchgehend mit ungleichen Maßstäben – mit „doppelten Standards“ – zu Lasten Israels arbeitet.

1945, nach der Vernichtung des NS-Staates und dem Sieg der Anti-Hitler-Koalition schien es für die einst mächtigen Antisemitismusbewegungen in aller Welt keine politische Zukunft mehr zu geben. Adolf Hitler schrieb in seinem kurz vor dem Selbstmord verfassten politischen Testament, aus den Trümmern Deutschlands werde sich in einer fernen Zukunft („Es werden Jahrhunderte vergehen, aber …“, so seine Formulierung) wiederum der Hass gegen die Juden erheben. Hitler sollte sich in diesem Punkt, was den Zeithorizont anbelangt, täuschen. Größere Antisemitismusformationen gibt es bereits seit längerer Zeit wieder in Deutschland, in Europa, in vielen islamischen Ländern und in zahlreichen anderen Weltregionen - viel früher als dies Hitler erwartet hatte.

Woher kommt dieser aussondernde Hass, der sich heute vor allem gegen das jüdische Israel richtet und der auch in der islamischen Welt weit verbreitet ist? Welchen Anteil haben an seiner Entstehung verschiedene Faktoren, auch Hitlerdeutschland? Ein Blick zurück –ein Blick auf historische deutsche Verantwortung – kann sinnvoll sein.

Jeffrey Herf hat sich nicht erst in seinem jüngsten Buch von 2009 „Nazi Propaganda for the Arab World“ mit derartigen Fragen befasst. Auch sein 2006 erschienenes Buch „The Jewish Enemy: Nazi Propaganda During World War II and the Holocaust“ hat, wie andere, frühere Werke, das Thema aufgenommen. In dem Buch von 2009 „Nazi Propaganda for the Arab World“ behandelt Jeffrey Herf eine Frage, , die in der deutschen politischen Debatte bislang keine große Bedeutung hat, wenn man einmal von den Auseinandersetzungen über das 2006 erschienene Buch „Halbmond und Hakenkreuz“ von Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers oder über andere vergleichbare Publikationen absieht. Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang sogar - zutreffender - formulieren, dass die Themenstellung nicht nur keine große Aufmerksamkeit gefunden hat, sondern in manchen Bereichen, auch in der Wissenschaft, eher unbeliebt zu sein scheint, z. B. weil sie verbreitete, allzu positive, verharmlosende Vorstellungen von den islamischen Verhältnissen im postkolonialen „antiimperialistischen“ Diskurs in Frage stellen könnte. Auch das häufiger anzutreffende Bild von Opferhierarchien mit der Dritten Welt und „dem“ Islam an der Spitze und mit den USA und Israel als „Täter“ am unteren Ende könnte durch derartige Fragen gestört werden. Ein anderer Grund für die mangelnde Debattenaufgeschlossenheit kann darin legen, dass viele meinen, es sei jetzt eher zu viel von deutscher Verantwortung gesprochen worden.

Dabei besteht seit langem Anlass für eine umfassende politische Auseinandersetzung mit der Rolle Hitlerdeutschlands vor und während des Holocausts bei der Verbreitung antisemitischer Positionen im europäischen Ausland und vor allem in der arabischen und islamischen Welt und damit auch mit der deutschen Mitverantwortung für die aktuellen Antisemitismusströmungen auch außerhalb Deutschlands. Einige Diskussionsaspekte in den jüngsten Debatten über die Integration von Muslimen in Deutschland, den Antisemitismus unter Muslimen und in islamischen Gesellschaften oder den „neuen“ antiisraelischen Antisemitismus, der auch nach den Umwälzungen in der islamischen Welt virulent und sichtbar bleibt, können kaum sinnvoll erörtert werden, wenn man die Fernwirkungen der antisemitischen Propaganda des NS-Staates ausblendet.

Ich bitte Herrn Prof. Jeffrey Herf um seinen Vortrag zum Thema „Hitlerdeutschlands Beitrag zur Antisemitismusentwicklung im Nahen Osten: Themen, Kontinuitäten und Brüche“.
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